Kampagne Leiharbeit

In Belgien wird der Lohn der Leiharbeiter theoretisch durch das Gesetz geschützt, aber in der Praxis sieht das oft anders aus. Laut einer Umfrage des Forschungsinstitutes Hiva (KUL) sind die Löhne der Leiharbeiter durchschnittlich 22 % niedriger als die Löhne des Stammpersonals. Außergesetzliche Vorteile, Prämien, Betriebszugehörigkeit: die Liste der Übertretungen und Vergehen ist lang. Daher greifen bestimmte skrupellose Arbeitgeber intensiv auf die Leiharbeit zurück.
Sie sind Leiharbeiter? Dann sollten Sie die folgenden 10 Dinge unbedingt wissen!

Bezahlter Urlaub, Feiertage und bürgerliche Abwesenheit

Bezahlter Urlaub

Als integraler Bestandteil des Lohnes sind der bezahlte Urlaub und die Feiertage theoretisch die gleichen, ob Leiharbeiter oder fest angestellter Arbeitnehmer. In der Praxis sieht die Realität aber oft anders aus. In der Mehrheit der Fälle haben die Leiharbeiter nicht die Möglichkeit, ihren bezahlten Urlaub während ihrer Beschäftigungsperiode im Unternehmen zu nehmen. Dies wirkt sich auf deren Lohn aus:
  • Sie zahlen nicht auf die gleiche Weise ihren Beitrag wenn sie arbeitslos sind
  • Sie verlieren ihre Betriebszugehörigkeit im Benutzerunternehmen, was zu Problenen führen kann für die Zahlung des garantierten Lohnes im Krankheitsfall
  • Außerhalb des Vertrages erwerben sie keinen bezahlten Urlaub für das folgende Jahr
Wie können Sie Ihren bezahlten Urlaub nehmen?
Sie können Ihre Agentur fragen, Ihren Urlaub während Ihres Vertrages zu nehmen. Im Allgemeinen lehnen die Agenturen dies aber ab. Wenn Sie eine schriftliche Ablehnung erhalten haben, lassen Sie uns diese bitte zukommen, damit wir dieses Recht einfordern können.
Wenn Sie lange Urlaub machen möchten, zum Beispiel um in Ferien zu fahren, raten wir Ihnen, die Tage des bezahlten Urlaubs aufzubrauchen. Achtung, Sie werden während diesen Tagen nicht bezahlt, Sie werden diese Tage von dem Urlaubsgeld finanzieren müssen, das Sie am Ende jedes Arbeitsvertrages erhalten. Für die Perioden, wo sie nicht beschäftigt werden, können Sie Arbeitslosenentschädigungen beantragen. Achtung: Wenn Sie am Ende des Kalenderjahres (Dezember) die bezahlten Urlaubstage nicht aufgebraucht haben, werden diese vom Arbeitslosengeld abgezogen.  Weitere Infos: hier.

Feiertage

Bezüglich der Feiertage gibt es zahlreiche Gesetzesanpassungen um zu vermeiden, dass die Agenturen dieses Recht auf Feiertage umgehen. So ist es zum Beispiel nicht mehr möglich, dass die Agenturen Ihnen absichtlich keinen Vertrag an einem Feiertag geben. Arbeiten Sie mit demselben Arbeitgeber und derselben Agentur am Tag vor und nach einem Feiertag, so muss Ihnen dieser bezahlt werden, egal wie lange Sie im Betrieb sind. In der Praxis gibt es aber viele Fälle, wo die Feiertage nicht bezahlt werden... Weitere Infos: hier 

Bürgerliche Abwesenheit

Die sogenannten "bürgerlichen Abwesenheiten" (Beerdigungen, Heirat, Geburt,...) werden normalerweise von der Leiharbeitsagentur bezahlt, insofern diese im Voraus beantragt werden. In der Praxis sieht es oft so aus, dass die Leiharbeiter, die diese Tage beantragen, plötzlich in der Woche dieses Ereignisses keinen Arbeitsvertrag haben. Weitere Infos: hier

Mutterschafts-/Vaterschaftsurlaub

Gesetzlich gesehen haben Leiharbeiter wie alle anderen Arbeitnehmer Anrecht auf Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub, der teilweise vom Arbeitgeber bezahlt wird. In Wirklichkeit ist dies praktisch nie der Fall. Sobald die Leiharbeiterin ihre Schwangerschaft bekannt gibt, wird der Arbeitgeber ihr keinen weiteren Vertrag anbieten. Der Kündigungsschutz der schwangeren Frau besteht hier nur auf dem Papier! 

Prämien: Nachtschicht, Sonntagsarbeit, Produktivität, Schichtarbeit

Die Nachtarbeit und die Sonntagsarbeit sind streng vom Gesetz geregelt. Theoretisch haben die Leiharbeiter die gleichen Rechte auf den Lohnzuschlag oder auf die Ausgleichsruhe. In der Praxis ist es aber schwer, diese Rechte durchzusetzen. 

Nachtarbeit

Die Nachtarbeit ist streng geregelt, man kann nicht tun und lassen was man will. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen hängen vom Sektor oder sogar vom Unternehmen ab. Es ist wichtig, dass sich der Leiharbeiter korrekt über die besonderen Modalitäten des Unternehmens informiert (bei seinem Gewerkschaftsdelegierten oder bei der CSC). Weitere Infos: hier 

Sonntagsarbeit

Für die Arbeit am Sonntag gibt es nicht unbedingt einen Lohnzusatz. Wie die Nachtarbeit hängt dies vom Sektor und vom Unternehmen ab. Fragen Sie Ihren Delegierten oder die CSC. Weitere Infos: hier
Beispiel: Ein Leiharbeiter der RTBF erhält nicht den gleichen Stundenlohn für die Nachtarbeit oder die Sonntagsarbeit als der fest eingestellte Arbeitnehmer. Nehmen wir eine reelle Situation, für die gleiche Arbeit am Sonntag, die gleiche Dauer, der gleiche Tag, der gleiche Arbeitsposten, aufgrund eines Stundenlohnes von 15,63 € für einen Radio- oder TV-Techniker:
Lohnberechnung :
  • für den ständigen RTBF-Mitarbeiter
Basislohn (7,6 Std. X 15,63) = 118,79 €
+ Lohnzusatz für Sonntagsarbeit (7,6 Std. x 18,52 €/Std.) = 140,75 €, also insgesamt 259,54 €
  • für den Leiharbeiter
Basislohn (7,6 Std. X 15,63) = 118,79 €
+ Lohnzusatz für Sonntagsarbeit (7,6 Std. x 15,63 x 5 %) = 5,94 €, also insgesamt 124.73 €
Die CSC befindet sich derzeit in einer Prozedur zur Regulierung dieser ungerechten Situation. 

Produktivitätsprämie

Die Produktivitätsprämie ist ein Bonus für die Arbeitnehmer in den Unternehmen, wo ein kollektives Arbeitsabkommen 90 abgeschlossen wurde. Dieser Bonus ist an den Gewinn des Unternehmens gebunden. Die Leiharbeiter haben unter den gleichen Bedingungen wie die anderen Arbeitnehmer Anrecht auf diese Gewinne. Die nicht wiederholbaren Vorteile, die an die Gewinne gebunden sind, gelten vor dem Gesetz als Lohn. Weitere Infos: hier (in Französisch)

Schichtprämie

Auch die Schichtprämie hängt, genau wie die Nacht- und Sonntagsprämie, vom Sektor oder vom Unternehmen ab. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Delegierten oder bei der CSC. Weitere Infos: hier.

Überstunden

Laut einer Umfrage der Katholischen Universität Löwen (Hiva) geben 16 % der Leiharbeiter an, für Überstunden nicht bezahlt zu werden. Und 20 % geben an, erst im letzten Moment darüber informiert zu werden. Die Arbeitnehmer müssen aber 24 Stunden vorher durch Aushang informiert werden, wenn Überstunden zu leisten sind. Das gilt ebenfalls für die Leiharbeiter. Und für die Überstunden muss ein zusätzlicher Lohn gezahlt werden.
Für die Zahlung dieses Zusatzlohnes gilt als Überstunde jede Arbeit, die über 9 Stunden pro Tag oder 40 Stunden pro Woche hinausgeht. Aber diese gesetzliche Definition kennt auch viele Ausnahmen. Und je nach Sektor ist es möglich, von diesem System abzuweichen. Deshalb raten wir Ihnen, sich zunächst an Ihren Delegierten oder an die CSC zu wenden, wenn sie wissen möchten, ob Zusatzlohn zu zahlen ist oder nicht.
Achtung: Der Arbeitnehmer muss die Überstunden beweisen, deren Bezahlung er einfordert.
Die Gesamtdauer seiner wöchentlichen oder monatlichen Arbeitszeit während des fraglichen Zeitraums muss mit hinreichender Genauigkeit nachgewiesen werden. Diese Beweise können Dokumente der fraglichen Periode sein, wie Stempelkarten, Fahrtenschreiber, widersprüchliche Kommunikationen zwischen den Parteien, Korrespondenz… Die Existenz von Überstunden kann aber nicht über persönliche Notizen des Arbeitnehmers belegt werden.
Beispiel : Rafael arbeitete als Landarbeiter in einem limburgischen Obstgarten. Während 3 Jahren arbeitete er zum Mindestlohn für Saisonarbeiter, wobei er jede Woche mehrere Überstunden leistete, die er in sein Notizbuch eintrug. Als der Vertrag endete, wurde ihm klar, dass er nie für diese Stunden bezahlt worden war und nun sein Wort gegen das des Arbeitgebers steht.
Weitere Infos : hier.

Garantierter Lohn im Krankheitsfall

Im Allgemeinen haben Leiharbeiter Tages- oder Wochenverträge. Der garantierte Lohn im Krankheitsfall ist jedoch nur bis zum Ende des Vertrages gültig. In der Praxis haben die Agenturen daher kein Interesse daran, kranken Arbeitnehmern die Verträge zu verlängern oder neue anzubieten. Manchmal versuchen sie sogar, die bestehenden Verträge zu verkürzen, indem sie die DIMONA-Erklärungen für die Tage zurückziehen, wo die Leiharbeiter normalerweise hätten arbeiten sollen.
Die Gesetzgebung über den garantierten Lohn ist recht kompliziert, weil die Betriebszugehörigkeit des Leiharbeiters eine Rolle spielt und auch sein Statut als Arbeiter oder Angestellter. Im Vergleich zum Stammpersonal werden die Leiharbeiter durch dieses System benachteiligt und sie werden dazu angehalten, trotz Krankheit zu arbeiten.
Beispiel : Axel arbeitet nachts in einer Fabrik als Leiharbeiter mit Wochenverträgen. Um 5 Uhr morgens fühlt er sich schlecht, arbeitet aber weiter bis zum Ende seiner Schicht um 6 Uhr. Er verständigt sofort seinen Arbeitgeber, dass er krank ist und wahrscheinlich seine Schicht um 22 Uhr nicht antreten kann. Zuhause legt er sich hin und schläft bis 17 Uhr, weil er dann zum Arzt gehen wollte. In seinem Briefkasten entdeckt er ein Dokument des Kontrollarztes, der um 14 Uhr 15 vorstellig wurde, aber niemanden angetroffen hat. Daraufhin stützt sich die Leiharbeitsagentur auf die Arbeitsordnung und weigert sich, ihm den garantierten Lohn der Woche auszuzahlen. Diese Arbeitsordnung sieht tatsächlich vor, dass der Arbeitsarzt zwischen 14 und 18 Uhr zuhause vorstellig werden kann. Obschon der Leiharbeiter korrekt gegenüber seiner Agentur und seinem Arbeitgeber sein wollte, wurde er bestraft. Keine Gnade für die Leiharbeiter!
 

Fahrtunkosten

 
Das Gesetz schützt die Leiharbeiter. Dennoch werden viele von ihnen nicht ordnungsgemäß bezahlt. Das Prinzip des „user pay“ sollte abgeschafft werden. In der Tat haben Leiharbeiter oft höhere Fahrtkosten als die festen Mitarbeiter. Oft ist es für sie nicht interessant, ein Abonnement für die öffentlichen Verkehrsmittel zu kaufen, obschon die Rückerstattung auf den Preis des Abonnements basiert (Wochen- oder Monatskarte).
Unabhängig vom Transportmittel werden die Fahrtkosten ab einer Mindestdistanz von 2 km (Hinfahrt) zurückerstattet.
Für die Leiharbeiter, die mit dem Fahrrad fahren, gilt die Rückerstattung der Fahrtunkosten als Fahrrad-Entschädigung.
Wenn das Drittzahlersystem für den öffentlichen Verkehr beim Benutzer angewandt wird, muss dieses auch für Leiharbeiter angewandt werden.
In Erwartung einer praktischen Lösung für das Drittzahlersystem erhalten die Leiharbeiter, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen, eine Rückerstattung von mindestens 80 % des Preises ihres Abonnements.
Weitere Infos: hier.

Außergesetzliche Vorteile

Leiharbeiter haben es schwer, an die außergesetzlichen Vorteile zu kommen, die dem Stammpersonal gewährt werden.

Mahlzeitschecks – Ökoschecks

Diese Vorteile werden normalerweise allen Arbeitnehmern im Unternehmen gewährt. Außer wenn... diese Vorteile erst ab einer Betriebszugehörigkeit von 6 Monaten gewährt werden. Daher entgeht vielen Leiharbeitern diese Art des zusätzlichen Lohnes.
Wenn das Benutzerunternehmen dem Stammpersonal Mahlzeitschecks gewährt, dann hat der Leiharbeiter unter den gleichen Bedingungen Anrecht darauf.
Hat ein fest angestellter Mitarbeiter nach 4 Monaten im Betrieb Anrecht auf Mahlzeitschecks, dann hat ein Leiharbeiter auch nach 4 Monaten Anrecht darauf. Informieren Sie sich also bei den Verantwortlichen im Unternehmen wo Sie arbeiten, um zu wissen, ob die Mitarbeiter Mahlzeitschecks erhalten. Das Gleiche gilt natürlich für die Ökoschecks.

Pensionsprämien

Bestimmte Sektoren haben eine sektorale Zusatzrente vorgesehen. Es ist ein kleiner Prozentsatz des Lohnes, der einem Sektorenfonds gezahlt wird und der die gesetzliche Rente des Arbeitnehmers vervollständigt. Das bedeutet, dass für jeden "festen" Mitarbeiter ein bestimmter Prozentsatz in den Sektorenfonds eingezahlt wird für dessen Zusatzrente. Der Betrag dieser Einzahlung wird in den Sektorenverhandlungen festgelegt und ändert je nach Sektor.
Für die Leiharbeiter wird kein Beitrag an den Sektorenfonds gezahlt. Im Gegenzug haben sie aber Anrecht auf eine Pensionsprämie. Diese Prämie entspricht diesem Beitrag für das „feste“ Personal und wird in Lohn umgewandelt. Die Prämie wird zu jedem Monatsende mit dem Lohn gezahlt und wird auf dem Lohnzettel getrennt vermerkt.
 

Recht auf Weiterbildung

Es besteht ein Ausbildungsfonds für die Leiharbeiter. Dieser wird jedoch zu wenig genutzt. Leiharbeiter werden selten zu Weiterbildungen während ihrer Arbeitszeit eingeladen. Oft kommt es vor, dass Schulungstage außerhalb des Arbeitsvertrages ablaufen und nur die Auslagen zurückerstattet werden (siehe Beispiel). Auch ihr Anrecht auf den bezahlten Bildungsurlaub ist eher theoretisch. 42 % der Leiharbeiter haben höchstens einen Schulungstag pro Jahr. Das ist viel zu wenig, ein individuelles Recht auf Weiterbildung von 5 Tagen würde den Herausforderungen, die sich aus der Entwicklung der Berufe ergeben, eher entsprechen.
Beispiel : Vor kurzem erschien ein Jobangebot auf der Website von Start People. Es ist ein Angebot als Lachs-Tranchierer. Sie sind auf der Suche nach einem "motivierten Kandidaten, auf den man sich verlassen kann" und "bezüglich der Arbeitszeiten flexibel ist", aber sie bieten nur Tagesverträge an. Zudem fordern sie 2 Jahre Erfahrung, fragen aber den Kandidaten, 2 Tage unbezahlte Praktika zu machen. Es handelt sich also um ein Job-Angebot für einen Tag, wo der Kandidat eine unbezahlte Schulung von zwei Tagen akzeptieren muss.

Schlechte paritätische Kommission, schlechter Tarif

Weil sie oft den Arbeitgeber und manchmal auch den Sektor wechseln, sind Leiharbeiter besonders gefährdet, was die Zahlung ihres korrekten Lohnes angeht. Die Regelungen der verschiedenen paritätischen Kommission sind sehr unterschiedlich. Und um sich in den Berufseinstufungen zurechtzufinden, müsste man fast studiert haben. Dort wo keine Gewerkschaftsdelegation besteht ist dies sehr schwierig und oft werden die Leiharbeiter unterbezahlt.
Beispiel: Manchmal gibt es absurde Situationen, wie der Fall von Laurent, ein Anstreicher, der wie eine Kassiererin im Supermarkt bezahlt wurde, weil er nach der paritätischen Kommission des Benutzerunternehmens bezahlt werden musste….