Jenseits von "fake news"

In Brasilien zeigt der Sieg eines rechtsextremen Kandidaten in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl erneut die Zerbrechlichkeit von lateinamerikanischen Demokratien. In Krisenzeiten erliegt Brasilien, wie andere Länder auch, der Versuchung, schlechte Rezepte einzusetzen, um seiner Mittelklasse und dem Geschäftsmilieu erneut einen Anschein von Vertrauen zu geben. In einem Lateinamerika, das noch von seinen alten Dämonen verfolgt wird, könnte das Erwachen schmerzhaft sein.
Doch hinter dem möglichen Sieg von Jair Bolsonaro versteckt sich eine Flutwelle, die bei weitem über den lateinamerikanischen Rahmen hinausreicht. Von den Vereinigten Staaten nach Russland, über die Philippinen, Ungarn und jetzt Italien, setzen sich bei den Wahlen anti-progressive politische Parteien oder Kandidaten gegenüber traditionellen Parteien durch, die völlig desorientiert sind.
Konzertierung, Partizipation, Kompromisse sind selten in den Programmen dieser konservativen Kräfte zu finden. Und die traditionellen Parteien scheinen machtlos zu sein, Bürgern, die angesichts der Geschwindigkeit sozialer, wirtschaftlicher und demographischer Veränderungen, die den gesamten Planeten erfasst haben, die Orientierung verloren haben, neue Orientierungspunkte zu geben. Dabei müssen wir alle uns für ein Projekt einsetzen, das geteilten Wohlstand, Wohlergehen und Würde zu seiner zentralen Achse macht. Ein Projekt, das massive globale Ungleichheiten angreift, nicht nur in Bezug auf Reichtum, sondern auch in punkto Machtverteilung.
Kein Land ist immun gegen rechtsextreme Versuchungen. Am Ende bedarf es nur weniger Dinge: eine Entlassung, eine Krankheit, eine Senkung der Sozialleistungen oder ein einfacher Unfall des Lebens. Ohne klare Zukunftsperspektive kann die Frustration sich ganz schnell in kalte Wut verwandeln, die man unmöglich kanalisieren kann. In diesem Zusammenhang gegen „Fake News“ zu kämpfen, ist sicherlich wünschenswert, aber die berechtigten Erwartungen zahlreicher Bürger zu erfüllen, ist hingegen unverzichtbar.
Marie-Hélène Ska,
Generalsekretärin der CSC
Marc Leemans,
Präsident der CSC