DOSSIER: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Frau
Anzügliche Bemerkungen, unangemessenes Verhalten, deplatzierte Vorschläge, Berührungen oder auch physische Aggressionen bis hin zur Vergewaltigung… Die sexistische Gewalt am Arbeitsplatz ist ein Phänomen, von dem wenig gesprochen wird, das aber auch heute noch, in 2017, zur Realität gehört.
Eine CSC-Zentrale, die Zentrale Nahrung & Dienste (CSC-AS), möchte wissen, was ihre Mitglieder vor Ort erleben und so das Ausmaß dieses Phänomens ermessen, um es anschließend besser zu bekämpfen oder besser vorzubeugen. Deshalb startete sie eine Umfrage zu diesem Thema und befragt vor allem die Arbeitnehmerinnen in den Sektoren Dienstleistungsschecks, Reinigung, Horeca und die Familienhelferinnen.
Fast 67.000 Fragebögen wurden an CSC-Mitglieder verschickt. Es geht darum, diese Form von Gewalt aufzuspüren, anzuprangern und zu handeln. Der Zentrale liegt viel daran, ihre Arbeitnehmerinnen selbstbewusster und stärker zu machen, damit sie nicht länger die passiven Opfer der sexistischen Gewalt bleiben. Information und Sensibilisierung sind also sehr wichtig. Zudem möchte die Zentrale ihre eigenen Mitarbeiter schulen, damit sie diese Fälle bearbeiten und die zuständigen Dienste hinzuziehen können. Und zu guter Letzt muss die Politik beeinflusst werden, damit die Empfehlung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auf nationaler Ebene umgesetzt wird. Dieses Thema wird nämlich in der nächsten ILO-Konferenz im Juni 2017 behandelt, um eine Empfehlung herauszugeben, die anschließend in allen 187 Mitgliedsstaaten der ILO umgesetzt werden soll.
Die CSC-AS möchte dazu ihren Beitrag leisten und zuerst vor der eigenen Tür kehren. Die Umfrage müsste es ermöglichen, den Finger auf die verschiedenen Facetten dieses Phänomens zu legen. Die Fragen beziehen sich auf die Häufigkeit von problematischen Situationen oder Verhaltensweisen am Arbeitsplatz, ihre Natur, ihre Verursacher, die physischen und psychischen Folgen, die Art der Reaktion der betroffenen Arbeitnehmer, eventuelle Folgen... Der Zentrale ist sehr daran gelegen, dass so viele Frauen wie möglich diesen Fragebogen ausfüllen und zurücksenden. Die Ergebnisse werden im April veröffentlicht.

In Krisenzeiten sind Frauen stärker gefährdet

Es ist kein Zufall, dass dieses Thema, das so alt wie die Welt ist, jetzt wieder in den Vordergrund rückt. Die derzeitige Krise mit ihren Sparmaßnahmen treffen vor allem die Frauen und verstärken die Gefahr der sexuellen Gewalt innerhalb und außerhalb des Arbeitsplatzes. Denn wenn die Arbeit rar und immer unsicherer wird, wagt sich eine Frau kaum, sich einer sexuellen Bedrohung zu widersetzen, aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder anderen Repressalien, mit all den Folgen die dies auf ihren Gesundheitszustand und ihre Arbeitsqualität haben kann. Auch die hyperflexiblen Arbeitszeiten und die Arbeitswege außerhalb der normalen Berufszeiten bilden einen Risikofaktor. Es gibt auch Aussagen von Frauen, die ohne Einkommen sind, die von der Arbeitslosigkeit ausgeschlossen wurden und völlig von einem gewalttätigen Ehemann abhängig sind. Ihre Isolation und ihr Leiden ist oft unermesslich.

Ein Beispiel von Marie-Lou

„Seit acht Jahren arbeite ich als Haushaltshilfe. Vor vier Wochen musste ich zu einem neuen Kunden. Als ich dort ankam, bot er mir eine Tasse Kaffee an. Er wollte mich kennenlernen. Er sprach über sich. Lange. Er fragte mich, ob ich Kinder habe. Ich erzählte ihm, dass ich meine beiden Kleinen alleine großziehe. Ich fragte ihn, ob ich irgendetwas putzen könnte. Er antwortete, dass nicht viel zu tun sei, dass er ganz gut alleine klar kommt… Ich verstand nicht, was ich dort sollte. Ich machte den Abwasch und ging nach Hause.
Am Ende der Woche rief mich die Agentur an: der neue Kunde war froh mit meiner Arbeit und wollte, dass ich jeden Mittwoch zu ihm kam. Ich habe das nicht verstanden und habe nichts gesagt. Und dann habe ich natürlich zugesagt.
Am folgenden Mittwoch, als ich ankam, wollte er mir seine Malereien zeigen. Alle zeigten vollständig nackte Frauen. Ich fühlte mich sehr unwohl… Ich schwieg… Er sagte, er finde mich sehr hübsch und dass, wenn ich etwas mehr Geld brauchen würde, ich für ihn posieren könnte… Ich lief in die Küche und fing an aufzuräumen, wie eine Hysterische. Er sagte nichts mehr und ließ mich arbeiten.
Letzte Woche ging ich wieder dahin. Unterwegs hatte ich einen Kloß im Hals. Als ich hereinkam hörte ich sofort, dass er unter der Dusche stand. Ich begann mit meiner Arbeit… Er kam zu mir in die Küche, mit einem Handtuch um die Hüfte. Er meinte, ich solle keine Angst vor Nacktheit haben und wenn ich eingeschüchtert wäre, würde er sich zuerst entkleiden. Ich dachte, mein Herz bliebe stehen… Ich sage ihm, er solle sich sofort wieder ankleiden oder ich würde gehen! Er packte mich schreiend am Arm und dann verschwand er.
Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich so alleine, so verstört. Ich brauche diese Arbeitsstunden. Aber was ist, wenn er weiter geht? Vielleicht ist es auch mein Fehler.. Ich habe Kaffee mit ihm getrunken, ihm zugehört, seine Malereien angeschaut… Vielleicht war etwas an meinem Verhalten… Mit etwas Glück ist er nächste Woche nicht zuhause. Vielleicht übertreibe ich auch…"

Folgen der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz

Auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz reagieren Frauen ganz unterschiedlich. Sehr oft besteht die Reaktion z.B. aus Ekelgefühl, Empörung, Wut, Erstarrung, Verunsicherung und Rückzug. Dem ersten Schreck folgen dann Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Viele Frauen zweifeln an sich selbst und geben sich die Schuld. Sie stellen ihr Verhalten infrage, sind verunsichert darüber, ob sie sich möglicherweise »falsch« verhalten haben, sich nicht ausreichend gewehrt oder »überzogen« reagiert haben. Viele Frauen verschweigen deshalb die Tat, obwohl sie unter körperlichen oder psychischen Auswirkungen leiden: Ängste, Schlafstörungen, Alpträume, Essstörungen,… Auch die Leistungsfähigkeit der betroffenen Frauen lässt nach. Langfristige Folgen können Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit sein.